Im Bundes-Liquid gibt es bekanntlich das Phänomen der Superdelegierten. Das sind Teilnehmer, die ein sehr hohes Stimmgewicht erreichen, welches sich baumartig über mehrere Zwischenstationen bei ihnen akkumuliert. Über um so mehr Zwischenstationen die Delegationen weitergegeben werden, desto geringer wird die Legitimation eines Superdelegierten. Die Legitimation des Abstimmungsergebnisses wird zusätzlich beeinträchtigt, wenn effektiv nur wenige Superdelegierte darüber entscheiden.

Seit kurz nach Einführung des Bundes-Liquid, wird in Aussicht gestellt, das würde sich alles lösen, wenn die Abstimmungsergebnisse erst verbindlich wären. Die Verbindlichkeit würde zu einer höheren Beteiligung führen und diese zu kürzeren Delegationsketten und weniger Stimmgewichtsakkumulation.

Eine Verbindlichkeit der Ergebnisse würde wahrscheinlich wirklich zu mehr Interesse und Beteiligung führen. Aber Beteiligung in welcher Form? Damit die Superdelegiertenproblematik abnimmt, müsste der Anteil direkt abgegebener Stimmen steigen. Ein Teil der Teilnehmer würde wohl tatsächlich öfter selbst abstimmen. Es würden sich aber wahrscheinlich auch Mitglieder beteiligen, die bisher keinen Account hatten oder deren Account inaktiv war. Dass diese Mitglieder, die bisher ja schon wenig Begeisterung für LiquidFeedback zeigten, nun besonders häufig selbst abstimmen, ist eher unwahrscheinlich. Viele lehnen das Konzept von LiquidFeedback ab. Die Übermacht der Superdelegierten wirkt als weitere Motivationsbremse. Wahrscheinlicher als eine kontinuierliche Beteiligung ist es, dass sie Delegationen einrichten. Dadurch würde der Anteil direkt abgegebener Stimmen aber nicht steigen, sondern sinken.

Wie hoch müsste die Beteiligung eigentlich werden, damit die Superdelegiertenproblematik abnimmt? Relevant ist wieder der Anteil direkt abgegebener Stimmen. Im Mittel lag dieser Anteil im Bundes-Liquid bisher bei etwa 50%. Nun sind ja extra die Themenbereiche vorgesehen, damit sich nicht jeder Teilnehmer mit allen Themen beschäftigen muss. Es gehört zum Konzept von LiquidFeedback, dass man bei Themen, die einen nicht interessieren oder mit denen man sich nicht auskennt, seine Stimme Delegierten überlässt. Vor diesem Hintergrund ist ein Wert von 50% eigentlich schon ganz ordentlich. Ein wesentlich höherer Anteil ließe sich nur erreichen, wenn fast jeder zu allem seine Stimme selbst abgibt. Das würde dann aber nicht mehr dem Konzept von LiquidFeedback entsprechen.

Um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass die Stimme verfällt, wird bevorzugt an Teilnehmer mit langen Delegationsketten delegiert. Gleichzeitig ist die Motivation, trotz der Gefahr des Stimmverfalls an einen nur gelegentlich selbst abstimmenden Experten ohne lange Delegationskette zu delegieren, eher gering. Denn bei Themen, die einen Teilnehmer nicht interessieren, interessiert er sich auch verhältnismäßig wenig dafür, wie mit seiner Stimme dann abgestimmt wird. Aber genau bei diesen Themen werden Delegationen am ehesten wirksam, weil der Teilnehmer dort ja am ehesten nicht selbst abstimmen wird. Diese Faktoren sorgen dafür, dass statt vieler kleiner Delegationsketten eher wenige Große entstehen. Der Effekt würde erst geringer werden, wenn der Anteil direkter Stimmen so hoch ist, dass es unwahrscheinlich ist, dass eine delegierte Stimme verfällt.

Wenn wir andere, kleinere LiquidFeedback-Instanzen ansehen, werden wir feststellen, dass dort das Superdelegiertenphänomen nicht in dem Maße auftritt, wie im Bundes-Liquid. Schlicht weil weniger Teilnehmer eben weniger lange Delegationsketten bilden. Bei ansonsten vergleichbaren Bedingungen ist davon auszugehen, dass mit einer höheren Beteiligung also auch die mittlere Delegationskettenlänge wächst. Damit steigt dann das Stimmgewicht der Superdelegierten noch weiter an, während die Legitimation weiter abnimmt. Das System skaliert nicht.

In einer Bundes-SMV mit LiquidFeedback wird das Superdelegiertenphänomen also wahrscheinlich weiterhin auftreten. Nicht mehr auftreten würde es höchstens, wenn fast alle Teilnehmer fast immer selbst abstimmen. Das halte ich aber für eher unrealistisch.

Bei der Präferenzdelegation gibt es zwar ebenfalls die Möglichkeit, dass einzelne Teilnehmer ein hohes Stimmgewicht bekommen. Allerdings nur, wenn auch entsprechend viele Teilnehmer direkt an sie delegieren. Dadurch haben die Delegierten eine wesentlich bessere Legitimation. Auch gibt es dort nicht den Effekt, dass Delegationen zur Stimmverfallsvermeidung bevorzugt bei langen Delegationsketten und somit Superdelegierten landen. Sondern man kann frei entscheiden, an wen man delegieren möchte, ohne dadurch einen Verfall der Stimme zu riskieren.

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